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Erste Schritte im Forum => Öffentliches Teilen => Thema gestartet von: Lea in 09.03.2025, 13:12:31 CET

Titel: Wie gut, dass ich nun viel Zeit habe
Beitrag von: Lea in 09.03.2025, 13:12:31 CET
Hallo, hier ist Lea,

ich bin wieder im Wochenende und merke, wie gut es tut, auch einmal wieder für mich allein zu sein.
Ich komme gut weiter mit meinem Theam bei der Therapeutin. Ich fühle die Enge, die zuhause in unserer relativ kleinen Wohnung herrschte. Ich hatte zwar ein eigenes Zimmer, fühlte mich aber nicht richtig zuhause. Mein Stiefbruder war niemand, an dem man sich einmal anlehnen konnte. Er musste Nähe schnell sexualisieren. Ich glaube, dass er Angst vor Nähe hatte. Das hat manchmal richtig körperlich weh getan, wenn er so reserviert war.
Ich konnte auch in der Therapie entdecken, dass ich mich verantwortlich gefühlt habe für meine Mutter und dass ich mir oft Mühe gegeben habe, damit es funktioniert mit unserem Zusammenleben. Aber dafür hätte es auch einen emotionalen Zugang zu meinem Bruder geben müssen. Eine Familie ist ja keine WG. Da sollte Nähe schon tiefer gehen können. Es wäre besser gewesen, wenn jeder Familienteil in der eigenen Wohnung gewohnt hätte. Dann wäre es auch nicht zu den beiden Missbräuchen gekommen.
Ich bin froh, dass ich nun viel Zeit habe, in der ich mir so vieles viel langsamer ansehen kann, als es damals passiert ist. Meine Therapeutin meinte auch, dass es gut ist, sich Zeit zu nehmen, weil alles nicht so einfach war und Zeit braucht zum Ansehen.

OK, danke euch.

Liebe Grüße von Lea
Titel: Aw: Wie gut, dass ich nun viel Zeit habe
Beitrag von: Andreas in 24.04.2025, 20:50:38 CEST
Hallo Lea,

man kann es gleich beim Lesen nachfühlen, dass Du weiter kommst. Herzlichen Glückwunsch!
Die Enge kenne ich auch aus meinem "Zuhause". Wir waren sechs Personen zusammen. Das war eindeutig zuviel. Es lag immer ein gehöriger Stresslevel in der Luft, so dass über Vieles nicht nachgedacht wurde. Das kann ich aber erst jetzt erkennen, nach vielen Jahrzehnten Abstand. Warum haben wir uns so oft angebrüllt? Warum haben wir uns nicht mehr entspannt. Warum meinte unser Vater, dass er über andere bestimmen muss? ... ... Heute weiß ich, dass der Stresslevel extra so hoch war. Man bekam so nicht nur keine Antwort auf die Fragen. Man kam nicht nur nicht dazu, diese Fragen zu formulieren (auch in der Stille nicht). Man kam nicht nur nicht dazu überhaupt Fragen zu stellen. Der Stresslevel war so hoch, dass ich auch sogar die Empfindungen nicht fühlte, die dazu geführt hätten, Fragen zu stellen. Wenn also die Frage eine Welle gewesen wäre, dann wäre der Stresslevel ein Vor- Vor- Vor- Vor- Vor-Wellenbrecher gewesen. Noch nicht einmal die allerkleinste Empfindung nach Missbrauch oder nachdem "Warum ist es so gewalttätig bei uns?" ist durchgekommen. Das ist wirklich eine heftige Abspaltung. Wahnsinn. - Bei solchen Gedanken muss ich mich immer sehr in Schutz nehmen heute in der Gegenwart bzw. im Nachhinein. In der heutigen Zeit würde ich als Erwachsener sagen: "Ey, diese Familie ist echt Mist, ich gehe für immer und suche mir eine andere Familie, die netter, höflicher, fröhlicher, und sonst auch noch so viel besser ist. - Als 5-jähriges Kind konnte ich das nicht. Also habe ich mir nicht nur verboten, diese Gedanken zu haben, dass ich mir eine andere Familie suchen möchte, ich habe mir nicht nur verboten, die Empfindungen zu fühlen, wenn es massie Übergriffe gab, sondern ich habe auch versucht, die Erinnerung an diesen "Nebel von Gewalttaten" aus meinem Kopf und aus meinem Gedächtnis zu ätzen. - Das ist wirklich Abspaltung: Wenn nichts mehr vom Erlebten zu fühlen ist und man nichts mehr erinnert. Deshalb habe ich mein ganzes Leben auch Schwierigkeiten gehabt, mir Dinge zu merken.
Nach jetzt bis zu 55 Jahren nach dem Erlebten bin ich nun in der Lage, alles deutlich klarer zu sehen. Das tut wirklich gut. Ich kann dabei auch erkennen, dass meine Eltern in ihrem eigenen Gewalt-Film in ihrem Kopf gelebt haben und nie mich gemeint haben bei welchen Gewalt-Situationen auch immer. Das tut auch gut, weil ich ja immer dachte, dass ich schuld bin an ihren Gewalt-Ausbrüchen. In Warheit waren sie unerreichbar familien- und kriegstraumatisiert und merkten es noch nicht einmal ansatzweise. Ich bin Stückchen für Stückchen dabei, das zu ändern.

Danke fürs Teilen!

Liebe Grüße und gute 24 Stunden,

Andreas